Farbe und orientierung
studienprojekt

Themeninsel SPRACHE in den Erkennungsfarben Nachtblau, Himmelblau und Zintronengelb

Experimentieren mit Wirkungen im Raum: Skulpturale Objekte, Wandstrukturen, Modellfiguren, Lichtreflexionen und Spiegelungen

Tageslichteinfall durch Schlitzöffnungen: Wände in Gold und Anthrazit, Decke in Weiss, Boden in Umbra

Arbeitsprozess und Erkenntnisse: Skizzen und Fotografien der simulierten Licht- und Farbwirkungen

Lichtinszenierung bei Nacht mit Grossstadt-Skyline

Lichtinszenierung bei Tag vor Waldkulisse

Lichtinszenierung bei Dämmerung mit farbigem Licht
Farbe und Orientierung – Campus Fluidum
| Objekt | Experimenteller Gestaltungsprozess |
| Auftrag | Farbe und Orientierung – Studienprojekt Campus Fluidum. Haus der Farbe, Zürich |
| Projekt | 2014 |
| Material | Modellbau, grafische Mittel, Fotografie und digitale Bildbearbeitung |
| Farben | Blau-Violett, Grünliches Gelb und Hellblau |
Die subtilen Farbnuancen lassen sich am Bildschirm nur annähernd wiedergeben.
Kontext
Orientierung – ein lebenswichtiges Fundament
Die Fähigkeit, sich im Raum zu orientieren, gehört zu den fundamentalsten Überlebensstrategien des Menschen. Ob in der freien Natur oder in der Komplexität einer Grossstadt: Der Mensch ist darauf angewiesen, seine Umwelt permanent zu entschlüsseln, um sich sicher, effizient und angstfrei zu bewegen. Orientierung vermittelt ein Gefühl von Sicherheit, Kontrolle und Verortung. Fehlt sie, reagiert die menschliche Psyche mit Desorientierung, Unbehagen und Stress.
Der Sehsinn – der primäre Filter
Das Gehirn erzeugt mentale Karten unserer Umwelt über ein multisensorisches Netzwerk, wobei der Sehsinn einen Grossteil der Reize liefert. Noch vor der bewussten Analyse von Formen, Texturen oder Schrift werden Helligkeitskontraste und Farben blitzschnell verarbeitet.
Helligkeitskontrast und Material – das räumliche Gerüst
Die räumliche Orientierung basiert fundamental auf der Wahrnehmung von Licht und Schatten. Helligkeitskontraste liefern unserem Auge das grundlegende Gerüst der Umwelt. Durch die Beschaffenheit von Materialien und deren Oberflächen – ob matt, glänzend, Holz oder Beton – entstehen Schatten. Erst diese dreidimensionale Plastizität erlaubt es uns, Kanten, Raumgrenzen und Entfernungen zuverlässig einzuschätzen. Das Zusammenspiel aus tastbaren Oberflächen (Haptik) und sichtbaren Schatten gibt dem Menschen physische Sicherheit und Vertrauen in seine Umgebung – er kann den Raum begreifen.
Farbe – Atmosphäre und Raumgefühl
Auf dieser Helligkeitsstruktur baut die Farbwahrnehmung auf. Farbe erfüllt dabei mehrere Funktionen: Unmittelbar und wahrnehmungsbedingt schärft sie die Trennung zwischen Objekt und Hintergrund und verankert visuelle Ankerpunkte im Gedächtnis. Über kulturell erlernte Bedeutungen – etwa Rot für Stopp – steuert sie zusätzlich unterbewusst unser Verhalten. Und schliesslich prägt sie die emotionale Qualität von Räumen: Sie transportiert Stimmungen und baut die Beziehung des Menschen zum Raum auf.
Farbe im architektonischen Raum
Im architektonischen Raum – aussen und innen, im Grossen wie im Kleinen – ist Farbe ein wirkungsvolles Gestaltungsmittel zur visuellen Unterscheidung oder Zusammenführung raumbildender Elemente. Der bewusste Einsatz farblicher Differenzierung erhöht die Lesbarkeit von Räumen, verbessert die Orientierung und erzeugt ein reicheres und vielfältigeres Raumerlebnis.
Projektaufgabe
Im Rahmen des Moduls Farbe und Orientierung wurde ein fiktives Studienprojekt durchgeführt – Campus Fluidum –, in dem Farbe als Mittel zur Orientierung erprobt wurde.
Campus Fluidum
Der Campus
Der Campus Fluidum ist eine international ausgerichtete Forschungsstation, die in regelmässigen Zeitabständen ihren Standort wechselt.
Der Campus besteht aus einer erweiterbaren Anzahl von Gebäudegruppen – sogenannte Themeninseln (kurz: Inseln) –, die jeweils aus neun Pavillons bestehen. In den einzelnen Pavillons wird über einen bestimmten Aspekt des Inselthemas geforscht.
Die Struktur des Campus
Räumlich ist der Campus nach einem konsequenten, an den vier Himmelsrichtungen ausgerichteten orthogonalen Raster aufgebaut. Die Erschliessungsstrassen zwischen den Inseln verlaufen in Nord-Süd- und Ost-West-Richtung. Innerhalb der Inseln folgt die Anordnung der neun Pavillons demselben Prinzip, sodass zwischen ihnen Gassen entstehen.
Die Gebäude sind fensterlos; ihre Eingänge liegen an den Schmalseiten, die zu den inneren Gassen zeigen. Weil sich im Inneren der Insel je zwei Gassen in Nord-Süd- und Ost-West-Richtung bilden, verfügen die drei mittleren Pavillons über zwei Eingangsfassaden, die übrigen über eine.
Der Gestaltungsauftrag
Zu entwickeln ist ein umfassendes Orientierungskonzept, das mit den Mitteln von Farbe, Form, Grafik, Ornament, Zeichen und Typografie arbeitet:
Ein Orientierungssystem für das Strassenraster des Campus und für die Bereiche innerhalb der Themeninseln.
Eine differenzierte Gestaltung der einzelnen Themeninseln durch grafische Mittel mit Bezug zum jeweiligen Forschungsthema der Insel.
Eine differenzierte Gestaltung der einzelnen Gebäudefassaden innerhalb der Insel: Die Pavillonfassaden sollen monochrom und ganzflächig gestaltet werden; das Pavillonthema wird über Grafik, Farbe, Beschriftung und Typografie kommuniziert.
Die Gestaltung hat zum Ziel, den Besuchenden Orientierungshilfe innerhalb des Campus zu geben und den Themeninseln eine eigene Identität und einen Erinnerungswert zu verleihen.
Die Studierenden bearbeiten jeweils eine Themeninsel; das Thema ist frei wählbar. Das hier dokumentierte Projekt ist dem Thema Sprache gewidmet.
Die Themeninsel „Sprache“
Das Orientierungssystem des Campus
Die Strassen im Campus werden entsprechend ihrer Ausrichtung als Nord-Süd und Ost-West bezeichnet, jeweils in Verbindung mit einer fortlaufend ansteigenden Zahl: Nord-Süd 1, Nord-Süd 2 usw. beziehungsweise Ost-West 1, Ost-West 2 usw.
Die Nummerierung der Strassen beginnt am Eingang des Campus in der Nord-Ost-Ecke. Die Lage der einzelnen Inseln kann somit durch vier Strassenkoordinaten exakt bestimmt werden. In der Kreuzungsmitte aller Nord-Süd- und Ost-West-Achsen stehen jeweils Stelen mit Beschilderung.
Die Besuchenden erhalten am Eingang des Campus einen Flyer mit dem Campusplan. Die Insel SPRACHE ist im Plan dunkelblau ausgezeichnet (siehe Grafik).
Die Orientierung innerhalb der Themeninsel Sprache
An acht Standorten an den Aussenfassaden der Eckpavillons zu den Hauptstrassen im Campus finden die Besuchenden ein Orientierungstableau mit der Inselübersicht (siehe Grafik). Die Pavillons sind mit 1 bis 9 nummeriert. Ihr Forschungsthema ist an den Aussenfassaden zu den Hauptstrassen und an ihrer Eingangsfassade visuell klar erkennbar.
Das Thema Sprache
Die menschliche Sprache manifestiert sich in gesprochener und geschriebener Form, sie schliesst das Auditive und das Visuelle mit ein. Sprache umfasst auch nonverbale Kommunikation, Gebärden- und Körpersprache. Sprache ist in dieser komplexen Ausprägung eine dem Menschen eigene Form der Kommunikation und Verständigung.
Sprache ist unendlich vielfältig und berührt sämtliche Daseinsbereiche des Menschen. Sie ist ein Medium des Denkens – ohne Denken keine Sprache – und sie dient dem Ausdruck von Gedanken, Gefühlen und Emotionen. Sie ist ein Spiegel von Gesellschaft und Kultur.
Die neun Pavillons sind neun Aspekten des Forschungsbereichs Sprache gewidmet: Struktur, Bildung, Denken, Politik, Kommunikation, Kultur, Jugend, Macht und Zukunft. Diese Themen erscheinen als grossformatige Schrift an den Fassaden.
Die Gestaltungssprache
Die gewählte Gestaltungssprache an den Fassaden arbeitet gezielt mit der Reduktion auf zwei klare Gestaltungsmittel zur Identifikation und Erkennung: Farbe und Schrift (geschriebene Sprache). Form und Inhalt sind eins: Die Schrift ist selbst Sprache und steht damit stellvertretend für das ganze Thema.
Drei Farben
Drei Farben sorgen für Identifikation und Orientierung innerhalb der Insel:
Blau-Violett für die Aussenfassaden an den Hauptstrassen rund um die Insel; Grünliches Gelb für die Kurzfassaden in den direkt zu den Eingängen führenden Gassen; Hellblau für die Längsfassaden in den Durchgangsgassen im Innenbereich der Insel.
Der gebildete Dreiklang arbeitet gleichzeitig mit der räumlichen Wirkung von verschiedenen Kontrasten: hell–dunkel, warm–kalt und intensiv–zurückhaltend.
Die phänomenologischen, symbolischen und psychologischen Eigenschaften der drei Farbtöne stehen für die Lebendigkeit, die Vielfalt und den Kontrastreichtum der Sprache.
Blau-Violett – Ruhe
Blau-Violett vermittelt die Kernbotschaft der Insel: Sammlung,
Konzentration, Beruhigung, Kostbarkeit. Die Farbnuance steht für Unendlichkeit, Sehnsucht und Gefühle. Sie wirkt ruhig, tief, konzentriert und entspannend. Blau-Violett bezieht sich auf den Aspekt der Gefühle und Emotionen der sprachlichen Äusserung und deren Ausdrucksvielfalt.
Die Farbe umschliesst die gesamte Inselformation, sodass diese als Einheit auftritt. Sie bildet den dunklen Pol im Farbklang und strahlt mit intensiver Tiefenwirkung.
Grünliches Gelb – Intensität
Das grünliche Gelb vermittelt Wachheit und Anziehungskraft. Die Farbnuance steht für Kommunikation, Verstand, Intellekt und bezieht sich auf den kognitiven Aspekt der Sprache. Es wirkt belebend, leuchtend und richtungsweisend.
Das grünliche Gelb setzt den energetisierenden Impuls und betont die zwölf Eingangsfassaden der Pavillons.
Die Farbe bildet den lauten Pol im Farbklang. Sie zieht die Besuchenden in den Innenraum der Insel.
Hellblau – Weite
Das Hellblau vermittelt Erweiterung, Offenheit und Ferne. Es steht für Weite, Freiheit und Möglichkeiten, und bezieht sich als luftiges Blau auf den Klang der gesprochenen Sprache. Die Wirkung ist kühlend, leicht und spielerisch.
Das helle Blau gestaltet die innenliegenden Längsfassaden. Gegen aussen signalisiert es die sekundären Zugangsgassen. Hellblau bildet den hellsten Pol im Farbklang. Es schafft eine Aufhellung und Weitung des engen, langgezogenen Gassenraums und kennzeichnet ihn zugleich als ruhigen Bereich innerhalb der Insel.
Die Farbräume in der Insel
In den Gassen entstehen durch die intensive Abstrahlung der gleichfarbigen, einander gegenüberliegenden Fassaden jeweils gelbe und hellblaue Farbräume. An den Gassenkreuzungen, wo sich intensive und verhaltene Farben treffen, entstehen in Abhängigkeit des Sonnenstandes wechselnde Farbwirkungen.
Die Schrift und Typografie
Für die Beschriftung der Fassaden und Türen kommt bewusst eine betont klassische, neutrale Schrift zur Anwendung:
Frutiger, eine serifenlose Linear-Antiqua-Schrift, die ursprünglich von Adrian Frutiger als Beschilderung für den Flughafen Paris-Charles-de-Gaulle entworfen wurde und 1976 als kommerzielle Schrift erschien. Sie wird bis heute häufig für Beschilderungen verwendet, ist aber auch in Druckerzeugnissen sehr verbreitet.
Die Schrift überzeugt durch ihre gute Lesbarkeit und ihre klaren Linien. Sie verfügt auch über eine emotionale Komponente, wirkt warm und ist von einer zwanglosen Leichtigkeit.
Die Beschriftung in Versalbuchstaben wirkt kraftvoll und unterstreicht den Hinweischarakter der Bezeichnung.
Die Beschriftung wird an vier Stellen eingesetzt:
An den Aussenfassaden der Pavillons an den Hauptstrassen – abgetöntes Weiss. Hier werden das Inselthema und der Forschungsbereich des Pavillons kommuniziert – z. B. SPRACHE und BILDUNG oder SPRACHE und KULTUR.
An den Eingangsfassaden der Pavillons – Anthrazit.
Für die Beschriftung der Eingangsportale – abgetöntes Weiss.
Für das Orientierungstableau – Schwarz.
Die Typografie berücksichtigt sorgfältig Anforderungen der Signaletik: Höhe ab Boden, Sehdistanz und Sehzeichenhöhe.
Erkenntnisse
Das Projekt hat gezeigt, wie wirkungsvoll Farbe die Orientierung im Raum unterstützt, wenn sie konsequent an die räumliche Struktur gekoppelt wird. Die Zuordnung je einer Farbe zu Hauptstrasse, Eingangsgasse und Innengasse macht die Hierarchie des Ortes unmittelbar lesbar – noch bevor Schrift oder Zahlen bewusst wahrgenommen werden.
Zugleich wurde deutlich, dass Farbe im Raum nie isoliert wirkt: Erst im Zusammenspiel mit Licht, Sonnenstand und den gegenüberliegenden Fassaden entstehen die eigentlichen Farbräume. Diese Dynamik liess sich erst im Modell und in der fotografischen Umsetzung wirklich beurteilen – die Fläche am Bildschirm bleibt dahinter zurück.
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Präsentation der experimentellen Projekte mit Fotografien Dokumentationsunterlagen zum Prozess






Übersicht der Lichtinszenierungen bei Tag, Nacht – im Kontext von Natur bis Grossstadt

Lichtinszenierung bei Tag mit Wasserfläche

Lichtinszenierung bei Dämmerung mit farbigem Licht

Lichtinszenierung bei Nacht mit farbigem Licht vor Grossstadt-Skyline

Lichtinszenierung bei Dämmerung mit farbigem Lichtvor Grossstadt-Skyline

Lichtinszenierung bei Tag mit glänzenden Bodenflächen

Lichtinszenierung bei Tag mit Wasserfläche vor Grossstadt-Skyline

Blick hinter die Kulissen – Der Werktisch mit Inszenierungsmittel

Blick hinter die Kulissen – Der Werktisch mit Inszenierungsmittel
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