farbe in der natur
studienprojekt












So weit das Auge reicht – Farbe in der Natur
| Objekt | Experimenteller Gestaltungsprozess mit Naturfundstücken |
| Auftrag | Studienprojekt Farbe in der Natur – Farbe in der Architektur. Haus der Farbe, Zürich |
| Projekt | September – Oktober 2014 |
| Material | Organosilikatfarbe |
| Farbklang | Herbst-Farbkollektion. Handausmischung der Farbtöne |
Die subtilen Farbnuancen lassen sich am Bildschirm nur annähernd wiedergeben.
Kontext
Für die Farbgestaltung in der Architektur ist die Betrachtung der Farbigkeit, der Farbphänomene und Prozesse in der Natur, die als Farbe, Form, Licht und Schatten, Oberflächenstruktur und Material wahrnehmbar sind, von grosser Bedeutung.
Dies kommt insbesondere bei farblichen Interventionen im naturnahen und ländlichem Kontext, aber auch als Inspiration für die Gestaltung im städtischen Raum zum Tragen.
Eine Projektwoche in der piemontesischen Landschaft führt zu einem experimentellen Gestaltungsprozess mit Farbe, Form und Struktur.
Durch die vertiefte Auseinandersetzung mit der Natur wird der individuelle Farbenfundus bereichert, das Repertoire an Entwurfsstrategien erweitert und Fragen der Ästhetik und Positionen der gestalterischen Arbeit reflektiert.
Daraus entsteht eine Reihe faszinierender gestalterischer Arbeiten.
Aufgabe
Während des fünftägigen Aufenthalt in der spätsommerlichen Landschaft von Verduno im Piemont erwanderte ich als Sammlerin täglich die Umgebung.
Die Aufgabe lautete: Das Form-, Farb- und Zeitgeschehen in der Natur betrachten und den Einfluss von Naturlicht, Wetter und Zeit beobachten.
Materialien aus der Natur mit ihren Farben und Texturen sammeln und den Prozess durch Notizen, Skizzen und Fotografien dokumentieren.
Ein persönlichen Fundus aus Objekten, Eindrücken, Erfahrungen und Ideen aus der Natur zusammenstellen.
Dieser Fundus sollte später im Gestaltungsatelier konzeptionell und gestalterisch reflektiert, vertieft und weiterentwickelt werden.
Sammeln und beobachten
Die Wanderungen um Verduno zogen mich immer wieder zu den Weingärten und Haselnusskulturen. Ich vertiefte mich in deren Form- und Farbenreichtum: Rebstöcke und Haselsträucher in Reih und Glied, Erde, Pflanzen, Blätter, Früchte.
Auf dem Weg viel mein Blick auf sonderbare Formen, farbintensive Fruchtstände und durch Natur und Zeit in Beschlag genommene „Abfälle“:
Rebschwarz, Anthrazit, warmes Grau, heller Sand, Schieferweiss, dunkles Umbra, Haselnussbraun, Rotbraun, gebrannte Erde, gelber Ocker, Blaugrün, Tannengrün, Beerengrün, wässeriges Gelbgrün, Rosa, Aubergine, Violett, Traubenblau, Nachtblau, Safran, Orange, Gewürzrot, Weinrot, Baumrinden, Rebstämme, Schalen, Haselerde, Holz, Haselnüsse, Kakifrüchte, Feigen, Trauben, Blütenstände, Grashalme, Samen, Tannzapfen, Rebranken, Reberde, Laub, Haselblätter, Feigenblätter, Weinblätter, Igelstachelkleid, Draht, Taschentuch, Schnüre, Betonbohrkern, Schneckenhäuschen, Essstäbchen.
Herbstwelt
Diese von mir zusammengetragenen Objekte berichten von einer Naturlandschaft, die von Menschenhand gestaltet ist – Weinberge und Haselnussplantagen soweit das Auge reicht. Sie umfangen die verstreuten Dörfer und kleiden die sanften Hügelzüge.
Vielfältige Farbnuancen von Grün, Umbra, Ocker und Weiss prägen den Charakter der Landschaft um Verduno. Die Sammelstücke sind Zeugen des Herbstes. Das saftige Grün des Sommers wandelt sich in Schattierungen von kraftvollem Gelb, Orange, Rot, Violett und Braun und verwelkt schliesslich in fahlen, silbrig schimmernden Tönen. Viele meiner Naturobjekte befanden sich bereits beim Sammeln im Trocknungs- und Verwesungsprozess.
Vergänlichkeit – Wandel
Im Gestatltungsatelier legte ich beim meinem Naturfundus den Fokus zunächst auf die Veränderungen während des natürlichen Trocknungsprozesses. Ich verfolgte das sich wandelnde Farbspektrum der Weinblätter, den Formreichtum der Weinkringeln und die wundersamen Gestalten der sich langsam einrollenden Blätter.
Daraus entstanden vier gestalterische Arbeiten: die Farbkollektion, die Fotoserie Figurentanz, die Objekt-Assemblage und der Text „So weit das Auge reicht“.
Farbwelten
Braun-Schattierungen
Haselblätter, -fruchtstände, -nüsse und -erde bilden mit ihren rötlichen und gelblichen Braunnuancen die warmtonigste Insel im Gesamtbild der Sammlung. Zu ihnen gesellen sich eine Kastanie in ihrer Schale, Samenkapseln, Blütenstände, Schnüre, ein Stück Backstein, Tannzapfen, Schneckenhäuschen mit einer dunklen Spiralmusterung und ein rostiges Drahtgebilde. Der warme Braunton geht dabei über in dunkles, kalttoniges Braungrau und Braunschwarz oder in warm- oder kühltonige Beigeschattierungen.
Ein skulptural wirkendes Stück Feuerholz sticht mit seinem Fächer aus warmen Braun- bis Beigenuancen hervor. Spuren von Sägeschnitt bilden auf der Schnittfläche ein ornamentales Linienmuster.
Beeindruckt hat mich, wie sich der gelbliche Braunton der Haselerde von der gräulichen Farbe der Rebenerde unterscheidet. Beide verbinden sich farblich jeweils mit der Farbigkeit der Pflanze.
Grünnuancen
Aus der unendlichen Vielfalt an Grünnuancen in der Natur haben Schachtelhalme, Feigen-, Kaki- und Haselblätter sowie Laub den Weg in meine Schatzkammer gefunden. Vom Baum getrennt oder auf dem Erdboden gesammelt – diese Sammlungsstücke haben seitdem den grössten Wandlungsprozess durchlaufen, sie haben ihr lebendiges Grün verloren, haben sich gekrümmt, verdreht, gekräuselt oder eingerollt. Die robusten Schachtelhalme zum Beispiel sind zu fragilen, ätherisch wirkenden, filigranen Gebilden blassblauer Farbe geworden. Drei Feigenblätter zeigen ein erstaunlich unterschiedliches Einrollverhalten. Durch das herbstliche Kringeln finden die intensiveren Grünnuancen der Blattinnenseite mit der helleren, graueren Farbe der Blattrückseite zu einem Licht- und Schattenspiel zusammen.
Nachtblau bis Shocking Pink
Trauben in verschiedenen Trocknungszuständen und entsprechenden Farbnuancen leuchten im Gesamtbild meiner Sammlung auf. Dolden mit einzelnen Trauben in verschiedenen Schattierungen von Hellgrün bis Weinrot, vollreife Trauben in tiefem Blauviolett bis Nachtblau, austrocknende Trauben, die im Licht graublau schimmern oder langsam zu grauroten oder braunroten Weinbeeren mutieren. Shocking Pink fallen die Blütenstengel der Kermesbeeren ins Auge, deren knospenförmige kleine Beeren beim Sammeln intensiv grasgrün waren und sich mittlerweile dem Dunkelblau der Trauben angenähert haben.
Vereinzelte im Rebberg gesammelte Zivilisationsspuren aus Kunststoff wirken mit ihren dichten, intensiv farbigen Oberflächen im Natur-Ensemble fremd – ein lilafarbenes Essstäbchen, ein Stück Kabel mit cyanblauen, zitronengelben und braunen Strängen, ein rosaroter Wollfaden.
Schwarz-Grau-Weiss
Von dunkel bis hell ausgelegt entfaltet sich die monochrome Welt der Schwarzweisstöne. Die Farbreduktion bringt die Vielfalt an Material, Form, Struktur und Textur verstärkt zur Geltung.
Der achtsame Blick entdeckt feinste Farbnuancen ins Braune, Grüne, Blaue, Rote und Gelbe: Moosablagerung auf der faserigen Oberfläche des Rebstamms oder verblasstes Grün auf einer Zucchettischale.
Verwitterte Baumrinden werden durch den Helldunkelkontrast ihrer Textur zu abstrakten Bildfragmenten. Ein braungraues Überbleibsel Igelfell erzeugt zusammen mit den aufragenden crèmeweissen Stacheln eine gesprenkelte Schwarzweissmusterung.
Der Betonbohrkern, wenn benetzt, fasziniert durch sein Mosaik farbiger Steine von zartem Rosa über helles Himmelblau bis zu Vanille.
Kringelnde Weinblätter und tanzende Rebranken
Weinblätter mit Nuancen von Gelbgrün, Blaugrün, Beige, Ocker, Orange, Gewürzrot, Rotviolett, Schwarzviolett und Graubraun bilden eine eigene bunte Welt innerhalb meiner Sammlung. Sie alle stammen aus einem einzelnen Rebberg und zeigen eine einzigartige Formen- und Farbenvielfalt.
Die Blätter kringeln sich zu Hügellandschaften, formen an Kleidungsstücke erinnernde Gebilde oder werden zu spinnenartigen Wesen. Die Verfärbungen zeichnen Blattränder und -adern nach und kreieren abstrakte Ornamente auf der Blattoberfläche. Taucht man in sie ein, trifft man auf eine Fülle von Farbnuancen, die einen sind unglaublich intensiv und satt, andere tragen einen grauen Schleier in sich.
Die filigranen Rebranken stehen in einen starken Kontrast zur Formen- und Farbenfülle der Blätterwelt. Einige sind hauchdünn und wirken wie zerbrechliche Wesen, andere sind voluminöser und wirken wie alte Individuen einer Gattung.
Das aufmerksame Auge entdeckt eine zurückhaltende Naturfarbigkeit – helle, warme bis dunkle Brauntöne, dunkles bis helles Grau bis hin zu fast reinem Naturweiss. Sie kringeln sich in den Raum hinein und formen tanzende Figuren.
In Szene gesetzt – die Assemblage
Sechs Fundstücke sind auf Augenhöhe an der Wand präsentiert – als Einzelobjekte vor der weissen Wand bekommen sie Objektcharakter:
Der Zweig einer Waldrebe, deren Blüten sich über Nacht in weisse Wollkugeln verwandelt haben.
Ein Zweig mit Samenhülsen in kühlem Braun.
Ein Zweig mit verdorrten Eichenblättern in einem warmem Hellbraun, eine dunkelgrüne Löwenzahnrosette und der Trieb einer Rebe mit herunterhängenden eingerollten Blättern in herbstlicher Farbenpracht. Rechts das durch seine Grösse und Form markanteste Objekt: das dürre graue Gerüst einer nicht identifizierten Wildpflanze mit langen überhängenden Stielen mit kleinen schmalen Blättern, an deren Enden kleine vertrocknete gelbbraune Blüten sitzen.
Darunter entfalten sich die gesammelten Pflanzen und Objekte zu einer einzigartig harmonierenden Vielfalt und Subtilität.





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